Bahnabenteuer
EU-Einheitsticket: Diese Reiseziele rücken plötzlich näher
Stell Dir vor, Du planst eine Zugreise von Deutschland bis ans Mittelmeer – und brauchst dafür nur noch eine einzige Buchung statt drei verschiedener Apps. Genau darauf zielt das neue Passagierpaket der EU-Kommission ab, das im Mai unter dem Motto One journey, one ticket vorgestellt wurde. Künftig sollst Du Fahrkarten verschiedener Bahnunternehmen zu einem einzigen Fahrschein bündeln können. Der entscheidende Unterschied: Die heute schon geltenden Fahrgastrechte sollen dann für die gesamte Reise gelten und nicht mehr nur für den einzelnen Abschnitt.
Das ist mehr als ein bürokratisches Detail. Bislang scheitert jede fünfte internationale Zugfahrt bei den großen Anbietern daran, dass sie sich nicht als durchgehendes Ticket buchen lässt – bei Strecken über 900 Kilometer sogar mehr als jede zweite.
Wir nehmen das geplante Ticket zum Anlass und stellen Dir sechs internationale Routen vor, die damit ihren Schrecken verlieren und richtig Lust auf Schienen-Urlaub machen. Wenn Du wissen möchtest, was genau hinter dem Vorhaben steckt, findest Du alle Hintergründe in unserem ausführlichen Infoartikel zum EU-Einheitsticket.
Paris – Barcelona: Vom Eiffelturm zur Sagrada Família
Diese Verbindung gilt als Paradebeispiel dafür, warum das neue Ticket gebraucht wird: Im französischen Buchungssystem taucht der Direktzug auf, in der spanischen App bislang oft nicht. Start ist Paris, wo Du vor der Abfahrt noch beim Eiffelturm oder im Künstlerviertel Montmartre vorbeischauen kannst. Über Südfrankreich rollt der Zug Richtung katalanische Küste, bis er Barcelona erreicht. Dort warten die Sagrada Família, das verwinkelte Gotische Viertel und Tapas-Touren in der Markthalle La Boqueria. Preislich liegt die Strecke im mittleren Bereich – ideal für Städtefans und GenießerInnen, die zwei Metropolen in einer Reise verbinden möchten.
Chur – Tirano: Über den Berninapass nach Italien
Wenn es um die schönsten Bahnstrecken des Kontinents geht, gehört der Bernina Express fest dazu. Von Chur in der Schweiz schlängelt sich die knallrote Schmalspurbahn rund 144 Kilometer durch die Bergwelt Graubündens, vorbei am mondänen St. Moritz, bis sie kurz hinter der italienischen Grenze Tirano erreicht. Dabei überwindet sie 55 Tunnel und 196 Brücken. Zu den Höhepunkten zählen das 65 Meter hohe Landwasserviadukt, der Morteratsch-Gletscher und der Bahn-Scheitelpunkt am Ospizio Bernina auf 2.253 Metern, dem höchsten Punkt der Strecke. Hier zeigt sich aber auch eine Grenze des EU-Vorhabens: Die Schweiz gehört nicht zur EU, und die Rhätische Bahn als Betreiberin fällt nicht unter die geplanten EU-Regeln.
Wer ab Tirano ins italienische Bahnnetz weiterreist, löst dafür bislang ein separates Ticket. Ein automatischer Einbezug der Schweizer Bahnen in das EU-Einheitsticket ist nicht vorgesehen; ob solche Brüche geglättet werden, hängt von freiwilligen Kooperationen ab. Die SBB arbeiten nach eigenen Angaben bereits mit Partnerbahnen wie DB, ÖBB und SNCF an einem einfacheren grenzüberschreitenden Ticketing, ein konkretes Abkommen speziell für die Bernina-Strecke gibt es bislang aber nicht.
Hamburg – Prag: Über das Elbtal in die Goldene Stadt
Der EuroCity zwischen Hamburg und Prag bringt Dich über Dresden und das malerische Elbtal in die tschechische Hauptstadt und schon die Anreise entlang des Flusses ist ein kleiner Höhepunkt. In dem Zug gibt es ein Bordrestaurant, und es gibt einen charmanten Nebeneffekt: Sobald der Zug die tschechische Grenze überquert, sinken die Preise im Bordrestaurant auf das örtliche Niveau. Das eigentliche Schlemmen hebst Du Dir aber für Prag selbst auf, wo Gulasch, Knödel und ein frisch gezapftes Pilsener zum Pflichtprogramm gehören. Sehenswert sind die Karlsbrücke, die Prager Burg und der historische jüdische Stadtteil Josefov. Die Strecke ist günstig bis mittel und damit ideal für GenießerInnen, die schon die Anreise zum Teil des Urlaubs machen.
München – Venedig: Über den Brenner an die Lagune
Diese Strecke führt mitten hinein in das Problem, das das neue Ticket lösen soll. Zwar fährst Du in den wenigen Direktzügen durchgehend in einem gemeinsamen EuroCity oder Railjet von Deutscher Bahn und österreichischer ÖBB. Außerhalb dieser Direktverbindungen und bei nahezu jedem Anschluss innerhalb Italiens kommen aber die italienischen Eisenbahnen ins Spiel, und Du stückelst Dir die Reise bislang aus mehreren Tickets zusammen.
Genau solche Lücken soll das Einheitsticket schließen. Landschaftlich ist die Fahrt über den Brenner ein Klassiker: von den Tiroler Bergen rund um Innsbruck über die Weinberge und Apfelhaine Südtirols bei Bozen bis hinunter ins Etschtal, ehe der Zug zum Schluss über den Damm in die Lagune nach Venedig Santa Lucia rollt. Dort warten Markusplatz, Canal Grande und die Rialtobrücke. Preislich liegt die Strecke im günstigen bis mittleren Bereich und ist ideal für alle, die die Alpenüberquerung selbst genießen und an ihrem Ziel gleich ins italienische Lebensgefühl eintauchen wollen.
Hamburg – Stockholm: Über die Öresundbrücke in den Norden
Auf dem Weg von Hamburg nach Stockholm querst Du gleich drei Länder und genau hier zeigt sich das Buchungsproblem: Bislang verteilen sich die Etappen auf die Deutsche Bahn, dänische Anbieter und die schwedische SJ, sodass Du oft mehrere Tickets in verschiedenen Systemen lösen musst. Seit dem 4. Mai 2026 fährt zwar ein neuer Direktzug der Gesellschaft Snälltåget ohne Umstieg von Hamburg über Kopenhagen bis Stockholm – die Anbietervielfalt drumherum bleibt aber bestehen.
Landschaftliches Highlight ist die spektakuläre Öresundbrücke, über die der Zug von Kopenhagen nach Malmö und damit von Dänemark nach Schweden rollt. Am Ziel erwartet Dich Stockholm, das sich malerisch über 14 Inseln verteilt. Preislich liegt die Strecke im mittleren Bereich und ist ideal für alle, die den Norden ohne Flug entdecken und die Fahrt über den Sund erleben wollen.
Berlin– Krakau: Mit dem Zug ins Herz Polens
Wer von Berlin ins südpolnische Krakau will, hat es heute besser als noch vor wenigen Jahren: Mit dem EuroCity gibt es bereits eine direkte Tagesverbindung von Berlin über Breslau und Katowice bis Krakau, gemeinsam betrieben von Deutscher Bahn und polnischer PKP Intercity; einzelne Züge fahren sogar weiter bis Przemyśl an der polnisch-ukrainischen Grenze. Trotzdem bekommst Du den Flickenteppich zu spüren, sobald Du von dieser Achse abweichst: Wer andere Ziele in Südpolen ansteuert oder umsteigen muss, kombiniert weiterhin Fahrkarten der Deutschen Bahn und der PKP Intercity – und stößt genau auf das Buchungs-Wirrwarr, das das Einheitsticket beenden soll.
Unterwegs rollt der Zug durch Brandenburg, entlang der Oder und durch das niederschlesische Breslau mit seiner bunten Altstadt. Krakau selbst belohnt mit einem der größten mittelalterlichen Marktplätze Europas, den Tuchhallen, dem Königsschloss Wawel und dem jüdischen Viertel Kazimierz. Die Strecke ist günstig und damit wie gemacht für Städtereisende, die Geschichte und Atmosphäre abseits der üblichen Hauptstädte suchen.
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Tipps für Deine Buchung
So verlockend die Routen klingen: Das Einheitsticket ist noch Zukunftsmusik. Die Vorschläge liegen aktuell Parlament und Rat zur Prüfung vor, und der Erfolg hängt auch davon ab, wie schnell die Mitgliedstaaten ihre Buchungssysteme vernetzen.
Bis es so weit ist, helfen Dir ein paar bewährte Kniffe weiter. Früh buchen lohnt sich, denn bei vielen europäischen Bahnen sind Tickets im Vorverkauf deutlich günstiger als am Reisetag. Die Sitzplatzreservierung solltest Du nicht vergessen: Beliebte Panoramazüge wie der Bernina Express sind schnell ausgebucht, reserviere Deinen Platz also rechtzeitig. Plane außerdem die Umstiegszeiten großzügig, denn gerade bei mehreren Etappen brauchst Du genügend Puffer zwischen den Anschlusszügen. Und achte auf Deine Fahrgastrechte: Schon heute hast Du bei Verspätungen ab 60 Minuten Anspruch auf Umleitung oder Erstattung.