Bahnreisen in Europa
Europa plant Bahn-Revolution: Mit nur einem Ticket quer durch die EU?
Die Europäische Union will eine der hartnäckigsten Schwächen des europäischen Schienenverkehrs beheben: die aufwendige Buchung internationaler Zugverbindungen über Ländergrenzen hinweg. Mit einem neuen Gesetzespaket plant die EU-Kommission, dass Reisende Verbindungen unterschiedlicher Bahnunternehmen künftig über ein einziges Ticket buchen können, inklusive umfassender Fahrgastrechte bei Verspätungen und verpassten Anschlüssen.
Derzeit sind Zugreisende bei grenzüberschreitenden Fahrten oft gezwungen, mehrere Buchungsplattformen zu nutzen, Tickets verschiedener Anbieter zusammenzustellen und das Risiko geplatzter Anschlüsse selbst zu tragen. Betrifft eine Reise mehrere Bahngesellschaften oder Staaten, wird das Problem besonders spürbar. Die EU-Kommission sieht in der Zersplitterung des europäischen Ticketmarktes ein wesentliches Hemmnis für klimafreundliche Mobilität.
Ein Buchungsvorgang für die gesamte Strecke
Im Mittelpunkt des Vorhabens steht das Prinzip "One Journey, One Ticket". Wer künftig etwa von Wien nach Barcelona oder von Berlin nach Kopenhagen fährt, soll die vollständige Strecke in einem einzigen Schritt buchen können, auch dann, wenn mehrere Betreiber daran beteiligt sind. Die EU beabsichtigt, Bahnunternehmen zur Weitergabe von Ticket- und Fahrplandaten zu verpflichten und eine stärkere Öffnung bestehender Systeme durchzusetzen.
Dadurch soll der Preisvergleich einfacher werden, und kombinierte Verbindungen sollen sich unkomplizierter buchen lassen. Zugleich würden einheitliche Fahrgastrechte wirksam. Verpasst jemand wegen einer Verspätung den Anschlusszug, müssten die beteiligten Anbieter eine alternative Beförderung organisieren oder eine Entschädigung zahlen. Bisher gilt dieser Schutz häufig nur, wenn sämtliche Teilstrecken auf einem gemeinsamen Ticket gebucht wurden.
Bahn attraktiver als Kurzstreckenflüge machen
Hinter der Reform stehen auch klimapolitische Absichten. Brüssel möchte mehr Menschen dazu bewegen, auf Kurzstreckenflüge zu verzichten und stattdessen den Zug zu wählen. Internationale Bahnreisen gelten als deutlich umweltschonender als Flüge, scheitern bislang jedoch oft an intransparenten Buchungswegen, uneinheitlichen Standards und fehlender Kompatibilität verschiedener Systeme.
Nach Einschätzung der Kommission könnten vereinfachte Ticketstrukturen vor allem grenzüberschreitende Fernverbindungen stärken. Obwohl in den vergangenen Jahren zahlreiche neue internationale Bahnprojekte angekündigt wurden, blieb die Buchung vieler Strecken in der Praxis unübersichtlich und umständlich.
Widerstand aus der Bahnbranche
Nicht alle Beteiligten stehen den Plänen positiv gegenüber. Der europäische Bahnverband CER warnt, verpflichtende Datenweitergaben könnten die Unternehmen finanziell erheblich belasten. CER-Geschäftsführer Alberto Mazzola bezeichnete den Vorstoß als "beispiellosen" regulatorischen Eingriff und argumentierte, die neuen Regeln begünstigten vor allem große digitale Buchungsplattformen – auf Kosten der Bahnunternehmen, die die eigentlichen Betriebskosten und Haftungsrisiken schultern müssten. Der Verband plädiert dafür, dass die EU vorrangig in den Infrastrukturausbau investiere, statt neue Vertriebsvorschriften einzuführen.
BefürworterInnen des Vorhabens halten dagegen, dass ein echter digitaler Binnenmarkt für Bahntickets Voraussetzung für einen wettbewerbsfähigen europäischen Schienenverkehr sei. Agustín Reyna, Chef der Europäischen Verbraucherorganisation BEUC, begrüßte den Kommissionsvorschlag: Dieser könne genau das Richtige sein, um Reisende erneut für die Bahn zu begeistern, so Reyna. VerbraucherschützerInnen weisen darauf hin, dass Flugreisen trotz politischer Förderung nachhaltiger Mobilität nach wie vor deutlich leichter buchbar seien als internationale Zugverbindungen.
Umsetzung erfordert mehrere Jahre
Bevor die Reform rechtskräftig wird, müssen das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten den Vorschlägen zustimmen. Die EU-Kommission geht davon aus, dass das Gesetzgebungsverfahren bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen könnte. Danach sollen Bahnunternehmen ein weiteres Jahr erhalten, um ihre Buchungssysteme entsprechend anzupassen.
Sollte das Vorhaben Realität werden, dürfte sich die Art des Reisens in Europa grundlegend verändern. Ziel der EU ist es, Bahnreisen ähnlich unkompliziert zu gestalten wie Flugbuchungen, jedoch mit deutlich stärkerem Verbraucherschutz und einem wesentlich geringeren ökologischen Fußabdruck.