- Preis-Leistungs-VerhältnisEher gut
Ach ja, das Atlantic! Über kein Hotel wurde in den letzten zwei Jahren so negativ berichtet wie über das schöne Haus an der Außenalster. Der fünfte Stern, begleitet von langen Querelen, ist endgültig fort (die Leitung weigerte sich sogar, das Dehoga-Schild im Eingangsbereich zu entfernen …), bei den Leading Hotels of the World hochkant rausgeschmissen, schließlich warf auch der langjährige Direktor entnervt das Handtuch und gründete seine eigene Beratungsfirma. Die äußeren Umstände sind bekannt: die Kempinski AG ist nur Pächter des Hauses, das zum Immobilienbesitz des hessischen Unternehmers Dieter Bock (Octavian Holding, Neu-Isenburg) gehört und der sich mit der Hotelgesellschaft schon länger im Streit befindet. Seit Jahren angekündigte Renovierungsarbeiten wurden immer wieder verschoben, zuletzt aufgrund der Finanzkrise – von Investitionen über immerhin 22 Mio. Euro war die Rede. Und eine Frischzellenkur ist auch bei oberflächiger Betrachtung dringend nötig: die Teppiche auf den Fluren löchrig und wahre Stolperfallen, Putz bröckelt von der Wand, die Tapeten zerschlissen … Gruseliges hört man (auch auf diesem Portal) besonders über die Standard-Zimmer: vom Schimmel im Bad ist da die Rede, gesprungenen Kacheln und rostigen Armaturen, defekter Klimaanlage (so überhaupt vorhanden) und noch Schlimmeres. Passend dazu wird dieses Kontingent preiswerter Zimmer über Aldi und andere Discounter verramscht: der Eigentümer – nicht Kempinski! – versucht wohl auf Teufel komm raus noch mal abzusahnen. Davon merkt der Gast in den öffentlichen Bereichen jedoch nichts. Die Lobby ist immer noch die schönste Hotelhalle Hamburgs, die Festsäle prächtig wie eh und je, Restaurants und Tagungsräume stilvoll bis luxuriös, das Atrium im Sommer mit dem leise plätschernden Springbrunnen eine Oase der Ruhe – was für ein Juwel könnte dieses Haus wieder sein!
Unser Superior-DZ (118) mit traumhaftem Blick auf die Außenalster für günstige 109,- Euro die Nacht exkl. Frühstück entsprach größtenteils dem, was man von einem klassischen Grand Hotel erwartet. Bei einer Größe von ca. 25 m² bot es genügend Platz für ein breites Kingsize-Bett mit sehr komfortabler Matratze, einer kleinen Sitzgruppe und ein unschön an der Wand befestigtes Universal-Regal von für diese Zimmerkategorie erschreckender Hässlichkeit mit Schreibtisch, Minibar (gewohnter Standard zu moderaten Preisen) und Fernseher – ein altes Röhrengerät, das so ungünstig platziert wurde, dass der Bildschirm vom Bett aus nicht zu sehen ist. Der Kleiderschrank mit großem Wandsafe in angenehmer Höhe verfügte über genügend Stauraum für mehrere Wochen, die in die Ecke eingelassene Kofferablage reichte hingegen nur für ein Gepäckstück. Sehr gut: die schweren, vollkommen abdunkelnden Vorhänge, da die Fassade zur Alsterseite (und auch die im Innenhof) nachts hell angestrahlt wird. Der „Balkon“ war nur ein schmaler, stark verschmutzter Austritt; die weißen Wände wirkten bei etwa vier Meter Deckenhöhe und nur zwei kleinen Bildern ausgesprochen kahl – der völlig unpassende Deckenfluter aus Messing im Stil der 80er Jahre gehört sowieso sofort auf den Sperrmüll. Das – nachträglich eingebaute? – enge Marmorbad hinterließ gleich beim ersten Betreten einen unangenehmen muffigen Geruch. Die Dusche befand sich in der Badewanne (hoher Einstieg! Duschvorhang!); aus Platzgründen gab es nur ein Waschbecken mit altmodischen, stumpf angelaufenen Armaturen und kein Bidet, Ablagemöglichkeiten fehlten ebenfalls. Bademäntel und –schlappen mussten beim Housekeeping bestellt werden und wurden in schnellen drei Minuten gebrach, mit Guest Supplies der Marke Kempinski wird eher sparsam umgegangen; die Body-Lotion fehlte ganz. Alles in allem kein betörend schönes Zimmer, aber längst nicht so abgewohnt, wie man es nach den vielen Kritiken erwarten musste. Kurz vor dem Check-Out bot sich noch die Gelegenheit, eines der neuen Musterzimmer (hier: 446) zu besichtigen – ein stilvolles, dezent farbenfrohes Standardzimmer mit edlem Mobiliar, dunklem Parkettfußboden im Flur und elegantem Badezimmer. Zum Glück meinte man nicht, dass historische Gemäuer von innen mit coolen Designer-Möbeln verunstalten zu müssen, wie man es z. B. bei Rocco Forte so häufig zu sehen bekommt (etwa Rom, Florenz, Berlin).
Bis auf den erwähnten hohen Service-Standard gibt es über den gesamten F&B-Bereich kaum etwas zu berichten: das Hausrestaurant war den gesamten Sonntag über geschlossen – ungewöhnlich in einen 250-Zimmer-Hotel, selbst in buchungsschwachen Zeiten; der renommierte Chinese „Tsao Yang“ (14 Punkte im Gault Millau, 2007) lockte uns nicht, und auch auf das mit 33,- Euro teuerste Frühstück der Stadt verzichteten wir leichten Herzens. Sehr schön aber und richtiges Grand Hotel-Feeling vermittelnd: die Teestunde in der Lobby, unter hoher Stuckdecke und prächtigen Kronleuchtern in bequemen Sesseln vor dem knisternden Kaminfeuer; aufmerksame Kellner, die einem jeden Wunsch von den Augen abzulesen scheinen … große Hotelkultur, wie man sie in Hamburg höchstens noch im Vier Jahreszeiten und im Louis C. Jacob erleben kann. Da durfte natürlich Udo Lindenberg nicht fehlen, der auf unnachahmliche Art mit Hut und Sonnenbrille durch die Lobby geschlurft kam. Auch der Besuch in der gleich an die Halle anschließenden weitläufigen Bar - ein ästhetisch nicht zum Stil des Hauses passender Mix aus Spiegeln, Chrom, dunklem Holz und einer Prise Art Deco an der Stelle, wo sich früher der Wintergarten befand – stimmte frohgemut. Auffällig hier wieder: die überwiegend sehr jungen Mitarbeiter (Auszubildende?), die mangelnde Erfahrung mit Herzlichkeit und guter Laune wettmachten. Leider wurde diesen Abend auf Live-Musik verzichtet, und schon um Mitternacht waren nur noch vier Gäste anwesend.
Es sagt einiges über das Hotel Atlantic aus, wenn es 1997 in der Zeitschrift „Capital“ zum besten Hotel Europas (!?!) gekürt wurde und nur zehn Jahre später aus sämtlichen Rankings verschwunden ist – nur im Wirtschaftsmagazin „Euro Finanzen“ erreicht es ausgerechnet im Bereich Service noch einen 3. Platz. Tatsächlich zeigt das durchweg sehr sympathische Team an Mitarbeitern von der Rezeption bis zum Haustechniker, vom Pagen über die Zimmermädchen bis zum Doorman den ganzen Aufenthalt über großes Engagement und aufrichtige Herzlichkeit, was unter den momentan schwierigen Umständen umso höher anzurechnen ist. Unverständlich und ärgerlich allerdings, dass uns beim Check-In kein Mitarbeiter der gut besetzen Rezeption aufs Zimmer begleitete, sondern uns nur kurz den – falschen! – Weg beschrieb: man verwechselte Zimmer 118 und 181 und ließ uns hilflos durch die weiten Flure irren; der Gepäckträger erreichte fast gleichzeitig mit uns das Zimmer. Escort-Service bei der Ankunft ist bei Kempinski sonst eigentlich Standard. Aus Gesprächen mit Angestellten erfuhren wir, wie sehr die „Atlanticaner“ (Udo Lindenberg) unter dem desolaten Bild in der Öffentlichkeit leiden. Bedauerlich, dass einige altgediente Mitarbeiter nach teilweise mehreren Jahrzehnten das Haus verließen; bei dem hohen Service-Anspruch des sehr jungen Teams – auch der neue Direktor ist erst Mitte 30 -, wie wir es erlebt haben, blicken wir aber frohen Mutes in die Zukunft.
Von den großen Hotels an der Außenalster ist das Atlantic noch am zentralsten gelegen: 500 Meter zum Hauptbahnhof, ein kurzer Spaziergang zur Mönckebergstrasse und Rathausplatz, die Busse der Stadtrundfahrt halten direkt vor dem Eingang, und es gibt sogar einen eigenen Bootsanleger: nur 10 Minuten bis zum Jungfernstieg; auch Kunsthalle, Staatsoper und Kongresszentrum sind bequem zu Fuß zu erreichen. Vor dem unvermeidlichen Verkehrslärm zur Hauptstrasse schützen doppelt verglaste Fenster, die Zimmer zum Holzdamm und den Innenhof sind ruhiger, so lange dort keine Veranstaltungen stattfinden. Am Wochenende sind häufig gleich vor dem Hotel kostenlose, zeitlich unbegrenzte Parkplätze zu finden; während der Woche gestaltet sich dies schon weitaus schwieriger. Tipp: Parkhaus am Bahnhof und das letzte Stück mit dem Taxi, wenn man nicht auf die völlig überteuerte und sich zudem in einem miserablen Zustand befindliche Garage auf der Rückseite des Hotels für Euro 32,-/Nacht ausweichen möchte …
Beliebte Aktivitäten
- Kultur & Erlebnis
- Ausgehen & Nightlife
Der Spa- und Wellnessbereich befindet sich auf dem Dach eines 70er-Jahre-Anbaus in einer Nebenstrasse, der im Zuge der Renovierungsarbeiten ebenfalls demnächst abgerissen werden soll. Am Empfang wird man freundlich begrüßt und erhält Bade- und Saunatücher, danach ward kein Personal mehr gesehen. Auf den ersten Blick vermittelt die weiß gekachelte Anlage einen ernüchternden, wenig charmanten Eindruck. Das Schwimmbecken ist ausreichend groß, aber mit einer Wassertiefe von nur 1,50 Meter viel zu flach, das Wasser zu warm. Einige Liegen, darunter auch welche mit Stoffauflagen und -kissen, stehen mit großzügigen Abstand zueinander bereit, bei schönem Wetter lockt eine kleine Dachterrasse mit Strandkorb und Alsterblick. Saunen und Duschen sind hygienisch einwandfrei, zur Erfrischung gibt es Karaffen mit Wasser und Fruchtstückchen. Weitere Handtücher – im Gegensatz zu denen auf dem Zimmer flauschig weich – werden auf Nachfrage unbegrenzt ausgegeben; auf Wunsch können außerdem Massagen und medizinische Anwendungen in der „Energy Clinic“ vermittelt werden. Der kleine Fitnessraum und das Solarium wurden von uns nicht genutzt. Bei zwei mehrstündigen Besuchen des Spa-Bereichs waren neben uns nie mehr als drei weitere Gäste anwesend, was gewiss auch der schwachen Auslastung am Wochenende geschuldet ist. Trotz der etwas nüchternen Badeanstalt-Atmosphäre haben wir uns sehr wohl gefühlt.
Infos zur Reise | |
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Verreist als: | Paar |
Dauer: | 1-3 Tage im November 2009 |
Reisegrund: | Stadt |
Infos zum Bewerter | |
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Vorname: | Matthias |
Alter: | 41-45 |
Bewertungen: | 25 |