Unweit der berühmten Maya-Stadt Tikal gibt es ein noch älteres, möglicherweise sogar bedeutenderes Zentrum der Maya-Kultur. © istock/Eder Marcos Camacho Gomez
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Geheimtipp im Dschungel von Guatemala

El Mirador: Vergessene Maya-Metropole im Regenwald von Petén

Der Blick von oben offenbart zunächst wenig Spektakuläres. Aus dem dichten Regenwald des guatemaltekischen Petén ragt eine Formation empor, die eher an einen überwucherten Felsen erinnert als an ein Bauwerk. Dass sich darunter die monumentalen Überreste einer der frühesten und größten Städte der Maya verbergen, ist kaum zu erahnen. El Mirador – übersetzt etwa "Aussichtspunkt" – gehört zu jenen Orten, die ihre Bedeutung erst auf den zweiten Blick preisgeben.

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Die Stadt wurde vermutlich im Laufe des 1. Jahrhunderts nach Christus weitgehend aufgegeben, nachdem sie ihre Blütezeit bereits in der präklassischen Epoche der Maya erlebt hatte. Erste Hinweise auf die Ruinen tauchten zwar schon im 19. Jahrhundert auf, systematisch dokumentiert wurde El Mirador jedoch erst ab den 1920er-Jahren. Trotz jahrzehntelanger Forschung liegt bis heute ein Großteil der Anlage verborgen unter Lianen, Erde und dichtem Bewuchs.

Unter unscheinbaren "Erdhügeln" wie diesen liegen einige der ältesten und imposantesten Ruinen unseres Planeten. © istock/Wirestock
Unter unscheinbaren "Erdhügeln" wie diesen liegen einige der ältesten und imposantesten Ruinen unseres Planeten. © istock/Wirestock

Leben und Verfall im Dschungel von Petén

El Mirador war über mehrere Jahrhunderte hinweg ein bedeutendes politisches und religiöses Zentrum. Archäologische Befunde deuten darauf hin, dass hier zehntausende Menschen lebten; genaue Bevölkerungszahlen lassen sich jedoch nicht mehr zuverlässig rekonstruieren. Frühere Schätzungen, die von über 100.000 EinwohnerInnen ausgingen, gelten heute als möglich, aber nicht eindeutig belegt. Sicher ist jedoch, dass El Mirador zu den größten urbanen Zentren der präklassischen Maya-Welt gehörte.

Nach dem Niedergang der Stadt übernahm der Regenwald langsam wieder die Kontrolle. Heute sind es vor allem Brüllaffen, Nasenbären und gelegentlich auch Pumas, die das Gebiet bevölkern. Menschen begegnest Du hier nur selten: Neben wenigen lokalen Kautschuksammlern sind es hauptsächlich ArchäologInnen, die sich in diese abgelegene Region wagen. Ihr Hauptinteresse gilt den monumentalen Bauwerken La Danta, El Tigre und Los Monos, die das Stadtbild bis heute prägen.

Massiver als die Pyramiden Ägyptens

Die monumentalen Tempel von El Mirador zählen zu den eindrucksvollsten Bauwerken der gesamten Maya-Zivilisation. El Tigre erreicht eine Höhe von etwa 55 Metern, Los Monos ist rund 48 Meter hoch. La Danta überragt sie alle: Mit ungefähr 70 Metern Höhe gehört sie zu den höchsten Pyramiden Mesoamerikas.

Noch bemerkenswerter ist ihr Volumen. Schätzungen zufolge umfasst La Danta rund 2,8 Millionen Kubikmeter Baumaterial und ist damit massiver als die Cheops-Pyramide von Gizeh. Zwar ist sie nicht höher als das ägyptische Weltwunder, doch gemessen an der reinen Materialmenge zählt sie zu den größten jemals von Menschen errichteten Bauwerke. Diese Dimensionen unterstreichen die organisatorischen und technischen Fähigkeiten der frühen Maya, lange bevor andere bekannte Zentren im Tiefland ihre Blüte erreichten.

Die berühmte Maya-Stadt Tikal liegt nur 60 Kilometer Luftlinie von El Mirador entfernt. © istock/Eder Marcos Camacho Gomez
Die berühmte Maya-Stadt Tikal liegt nur 60 Kilometer Luftlinie von El Mirador entfernt. © istock/Eder Marcos Camacho Gomez

Nähe zu Tikal und historische Bedeutung

Obwohl El Mirador heute abgeschieden wirkt, lag die Stadt keineswegs am Rand der Maya-Welt. Die berühmte Ruinenstadt Tikal befindet sich nur rund 80 Kilometer südlich; in der Luftlinie beträgt die Entfernung sogar lediglich etwa 60 Kilometer. Historisch betrachtet trennen die beiden Orte jedoch mehrere Jahrhunderte: El Mirador erreichte seinen Höhepunkt lange vor dem Aufstieg Tikals in der klassischen Maya-Zeit.

Viele ArchäologInnen gehen davon aus, dass El Mirador eine Schlüsselrolle in der frühen Entwicklung politischer, religiöser und architektonischer Konzepte spielte, die später in Tikal und anderen Maya-Städten weiterentwickelt wurden. In diesem Sinne gilt El Mirador als eine Art kultureller Vorläufer, dessen Einfluss weit über sein unmittelbares Umland hinausreichte, auch wenn direkte politische Abhängigkeiten zwischen beiden Städten bislang nicht eindeutig nachgewiesen sind.

Die Blütezeit der Maya lag zwischen rund 500 vor und 900 nach Christus. © istock/Prentiss A Lawson
Die Blütezeit der Maya lag zwischen rund 500 vor und 900 nach Christus. © istock/Prentiss A Lawson

Abgeschiedenheit statt Massentourismus

El Mirador ist bis heute nur mit erheblichem Aufwand zu erreichen. Der Weg führt entweder per Hubschrauber oder über mehrtägige Fußmärsche durch unwegsames Dschungelgebiet. Eine klassische touristische Infrastruktur existiert nicht. Wer die Stätte besucht, übernachtet meist in einfachen Camps, die ursprünglich für archäologische Expeditionen eingerichtet wurden.

Gerade diese Abgeschiedenheit erklärt, warum El Mirador trotz seiner Nähe zu Tikal weit weniger bekannt ist. Während dort jährlich tausende BesucherInnen durch restaurierte Tempelanlagen wandern, bleibt El Mirador ein Ziel für wenige AbenteurerInnen und WissenschaftlerInnen. Auf den schmalen Pfaden des Petén-Dschungels sind Maultiere oft das zuverlässigste Transportmittel – moderner Komfort endet hier schnell.

Ein uraltes Netz aus Straßen

Eine der spektakulärsten Entdeckungen der letzten Jahre gelang Forschern im Jahr 2016 mithilfe moderner LiDAR-Technologie. Unter dem dichten Blätterdach des Regenwaldes kamen Überreste eines weitverzweigten Straßensystems zum Vorschein. Mindestens 17 sogenannte Sacbéob – erhöhte, befestigte Dammstraßen – verbanden El Mirador einst mit umliegenden Siedlungen. Ihre Gesamtlänge wird auf rund 240 Kilometer geschätzt.

Dieses Netzwerk gilt als eines der frühesten bekannten großräumigen Verkehrssysteme der Menschheitsgeschichte. Ob es tatsächlich das erste seiner Art war, ist unter Fachleuten umstritten, doch seine Dimensionen und sein Alter sind unbestritten außergewöhnlich. Heute sind die einst weißen Kalkstraßen kaum noch zu erkennen. Der Dschungel hat sie fast vollständig zurückerobert und erschwert die archäologische Arbeit bis heute.

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Quelle: spot on news