• Pesche
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    geschrieben 1440508875000

    Es stellt sich die Frage: Sind meine Frau und ich etwas verrückte Exoten? :shock1: Interessiert konsumiere ich hin und wieder Reise-Threads in den HC Foren. Leider zählt heute für viele ”Weltenbummler“ nur noch das schnelle Reisen von A nach B. Und sie vergessen, dass der Weg vielmals um einiges interessanter ist als das Ziel. Ich höre in meinem Bekanntenkreis immer wieder: Wenn wir mal pensioniert sind, dann unternehmen wir auch längere Reisen rund um die Kugel. Es geht aber auch früher!

     

    Nachstehend ein kleines Müsterli:

     

    Vor Jahren während meinen beruflichen Zeiten, haben meine Frau und ich ein rund 15‘000 km langes “Reisli” mit der Bahn unternommen. Von Bern HB (CH) via Basel, Frankfurt, Dresden, Warschau, nach Moskau. Ab Moskau mit der Transsib nach Irkutsk und weiter via Ulan Ude, Ulan Bator durch die Wüste Gobi nach Peking. Und ab Peking via Shanghai, Kanton nach Hongkong. Die gesamte Bahnreise von insgesamt rund 15’000 Bahn-km dauerte mit “Stop-Over” in Moskau, Irkutsk, Ulan Bator, Peking, Hangzhou, Shanghai und Kanton rund fünf Wochen. Ziemlich strapaziös, aber ein einmaliges Erlebnis

     

    Bekannte von uns schwärmten damals von dem, zwischen Moskau und Peking verkehrenden Luxus-Sonderzug. Der Sonderzug, resp. die Kreuzfahrt auf Schienen bot jeden erdenklichen Luxus. An Bord standen dem Gast nebst einem privaten Abteil ein umfangreiches Service- und Unterhaltungsprogramm zur Verfügung. Und man ist unter sich! Mit anderen Worten: 99,9% der Gäste sind Touristen aus dem Ausland! Es werden viele Sprachen gesprochen -- nur nicht Russisch!! Der Zug wird während den Stopps in den Bahnhöfen von schwer bewaffneten Polizisten bewacht, die grimmig dafür sorgen, dass keine Einheimischen die Bahnpassagiere in ihrem goldenen Käfig belästigen.

     

    Obwohl ich während meinen beruflichen Tätigkeiten in fremden Landen zwangsläufig in 4/5-Sterne Luxusherbergen logierte, haben wir uns bewusst für einen Linienzug / 2. Klasse mit 4-Bett Abteilen entschieden und keine Minute bereut. Unvergesslich die Erlebnisse in dem Zug Nr. 2 “Rossija” ab Moskau: Bahnhof “Jaroslawer“. Ein Samowar auf dem Gang lieferte rund um die Uhr heisses Wasser für die Zubereitung von Kaffee oder Tee im Abteil. Viele Einheimische kochten in unserem Wagon in den Nachbarabteilen auch ihre Mahlzeiten. Die frischen Landprodukte aus der Region wurden von Bauernfrauen während den Stopps an den Bahnhöfen den Bahnkunden angeboten. Es gab nur noch ein kleines Problem: Ein Toilettenraum in unserem Wagen war meist geschlossen: Grund: Lagerraum für Schmuggelware! Auch die Sauberkeit in den Waschräumen liess etwas zu wünschen übrig. Dreimal täglich boten Angestellte im spartanisch eingerichteten Speisewagen den Fahrgästen warme Speisen an. Abenteuerlich auch die täglichen Trips von unserem Wagon in den Speisewagen via die klappernden nicht ganz ungefährlichen Übergänge zwischen den einzelnen Wagons. Die Küche sollte man nicht unbedingt inspizieren! Ein Gourmet-Menu muss man auch nicht erwarten. Ist aber kein Problem: Spätestens in Peking kann man das bei einem exzellenten chinesischen Mehrgang-Essen nachholen. Mit kleinen Geschenken --Kugelschreiber, Taschenlampen, Taschenmesser, CH-Schokolade (Werbegeschenke meiner Arbeitgeber-Firma) etc. war man König. Fast jeder Wunsch wurde vom freundlichen Bahnpersonal erfüllt. Trotz Alkoholverbot im Speisewagen, erhielt ich jeden Tag ein kühles Bier oder eine Flasche süffigen Wein “als Beilage!” zu den akzeptablen Speisen und nicht zu verachten, anstelle eines eigenen Schlafsackes frische Bettwäsche.

     

    Die Fahrt inmitten aufgestellten Einheimischen und die Kontakte zu mitreisenden Mongolen und Chinesen war ein einmaliges Erlebnis. Wir wurden praktisch permanent zu unseren russischen Mitreisenden eingeladen und erlebten eine unglaubliche Gastfreundschaft. Für Abstinenten allerdings nicht zu empfehlen! Nebst deutsch, englisch (zu später Stunde auch “Mattenenglisch!”) und manchmal auch etwas französisch oder spanisch, haben wir uns mit Händen und Füssen verständigt. Und mit Wodka anstossen kann man in jeder Sprache! ;)

     

    Ich habe viele Fotos aus dem fahrenden Zug geschossen. Leider waren die Wagonfenster immer wieder stark verschmutzt. Schmunzelnd haben unsere einheimischen Mitpassagiere zugeschaut, wie ich, bewaffnet mit einer kleinen Leiter aus dem Zug und einem Schwamm, jeweils an den Bahnhöfen unser Abteilfenster von aussen reinigte!

     

    Die Mongolei mit ihren stolzen Bewohnern hat uns beeindruckt. Ich glaube, bevor die Kinder laufen lernen, beherrschen sie bereits das Reiten. Lediglich mit der angebotenen Stutenmilch bei einer Nomadenfamilie in einer Yurte hatte ich einige Mühe. Aber die Gastfreundschaft ist heilig -- also Augen zu und runter damit!

     

    An der Grenze zwischen der Mongolei und China war auch für uns der Wechsel der Fahrgestelle, bedingt durch den Spurwechsel ein Highlight. Unglaublich welche Schwerarbeit die zierlichen chinesischen Arbeiterinnen leisteten. Lediglich die Grenzformalitäten bereiteten uns etwas Mühe. Ich weiss nicht mehr, wie viele Dokumente wir ausfüllen mussten. Das ganze Prozedere dauerte etwa zehn Stunden. Streckte man mal den Kopf aus dem Abteil, wurden wir von den sonst so freundlichen Provodnitsas (Zugbegleiterinnen) jetzt nervös, unterstützt von noch nervöseren Grenzbeamten hässig angeschnauzt. Nach etwa zwei Stunden -- Gelächter im und um unseren Wagon. Die Provodnitsas und die Beamten genehmigten sich einen Drink und luden uns dazu ein. Des Rätsels Lösung: Der Deal mit derSchmugglerware im geschlossenen Waschraum war zur Zufriedenheit aller Beteiligten abgeschlossen. Und einer Weiterfahrt nach Peking stand nichts mehr im Wege. Doch, kurz vor Peking blieben wir auf offener Strecke für einige Stunden stecken. Nichts ging mehr. Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass in China Güterzüge mit erster Priorität behandelt werden.

     

    Die Weiterfahrt von Peking nach Hongkong habe ich auch noch in bester Erinnerung. Wiederum haben wir 4- Bett Abteile gebucht. Luxus pur wenn man bedenkt, dass es noch eine sogenannte harte Klasse gab mit 6- Bett Abteilen, zusätzlich weiteren Passagieren, die locker vom Hocker in den Wagonkorridoren übernachteten. Wie schon auf der Transsib, liess auch in diesen Zügen die Sauberkeit in den Waschräumen etwas zu wünschen übrig. Kein Problem wenn man flexibel ist. Als Alternative für die Morgentoilette mit Zähne putzen, boten sich die obligaten Brunnen resp. Waschbecken auf den Bahnsteigen an, irgendwo unterwegs auf einem Provinzbahnhof. Auch die Mittag- und Nachtessen in den hoffnungslos überfüllten kitschigen Speisewagen muss man erlebt haben. Die schwitzenden und dampfenden chinesischen Passagiere, die Männer mehrheitlich mit nacktem Oberkörper und wild kommunizierend, entlockten uns immer wieder ein Lächeln, obwohl wir kein Wort verstanden. Aber die Mahlzeiten von Fisch bis zuSüss/Sauer, serviert von flinken Kellnern, die wie Bienen rumsausten, waren kulinarische Leckerbissen. Dank Drahtnetzen in den offenen Fensterrahmen flogen uns nicht permanent Plastikflaschen, Plastikteller und Becher um die Ohren, die Passagiere via die Abteilfenster entsorgt hatten. Meine Annahme, die Drahtgitter dienen als Sperre für Insekten, war also nur zum Teil richtig! Und dann war es soweit. Ankunft in Hongkong nach rund 15’000 Schienenkilometer und keine Minute von Langeweile! :D

     

    Interessant wäre auch eine Bahnreise nach Hongkong -- jedoch quer durch Asien. Via die Türkei, Iran, Pakistan, Indien, Bangladesch, Burma, Thailand, Kambodscha, Vietnam und China nach Hongkong. Nach meinen Recherchen existiert eine fast durchgehende Schienenverbindung. Lediglich zwei Strecken in Burma müssten mit dem Bus zurückgelegt werden. Also je nach politischer Situation und einer gewissen Flexibilität ohne weiteres machbar. Und als Rentner mit noch einigermassen intakten grauen Hirnzellen haben meine Frau und ich jetzt viel Zeit! Vielleicht bleibt dieses “Reisli” ja ein Traum -- aber Träume gehen manchmal in Erfüllung.

     

    Abschliessend nur noch dies: Bahnreisen, egal ob man z.B. mit einer südamerikanischen Andenbahn (Sitzplatz für mutige auf dem luftigen Wagendach!), quer durch die USA mit dem “Chief” oder mit der Transsib unterwegs ist, keine Transportart bietet nach meinen Reiseerfahrungen idealere Möglichkeiten, Land und Leute intensiv kennenzulernen. Vorausgesetzt allerdings man vermeidet die, leider heute auf den meisten Strecken auch verkehrenden Ghetto-Luxuszüge.

     

    Allen die sich nicht entnervt aus diesem etwas lang gewordenen Thread rausgeklinkt und bis hier durchgehalten haben :shock: wünsche ich ein erlebnisreiches Reisen unter dem Motto: DER WEG IST DAS ZIEL!

     

    Pesche

    Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon!
  • MatthiasPK
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    geschrieben 1440510231000

    Sei mir nicht böse, aber ist das jetzt ein Reisetip, steckt eine Frage dahinter die ich überlesen habe? Oder eine Bemerkung das alle die es anders machen falsch Reisen? Ich versteh es nicht. Sicher eine schöne Zeit die du hattest, aber ich lese die Botschaft noch nicht so wirklich raus?

    Wenn ich etwas spezielles sehen will möchte ich schnellstmöglich dorthinkommen und die maximale Zeit vor Ort verbringen. Das ist für mich persönlich Luxus.

    Im ernst: Ich kann mir gut vorstellen das eine längere Reise um die Welt auf "heutzutage unkonventionellen" Wegen sehr interessant ist und man durch soetwas geprägt wird. Hierbei wäre es mir aber wichtig das ich ohne einen "langfristigen" Plan losziehe und einfach sehe wohin mich der Weg bringt. Und ich denke das man soetwas alleine machen muss. Ebenso gehört glaub ich ein Funke Glück dazu von Haus aus gesegnet zu sein mit dem richtigen Background für sowas. (Bitte kommt mir keiner mit "Jeder ist seines eigenes Glücks schmied, meine Mutter hätte mir was erzählt wenn ich nach der "anstrengenden Schule" ein Jahr lang reisen hätten wollen, um meine innere Mitte zu finden blablablaaaa).

    Ich kann es mir als jemand aus der unteren bis mittleren Mittelschicht nicht vorstellen mal eben eine 1-2 Jährige Pause einzulegen. Klar, das geht aber für mich ist es Luxus aus meinem Urlaub ins "sichere" Deutschland zurückzukehren und zu wissen was auf mich wartet. Wenn länger weg -> Dann endgültig!

    DTM-KTW-FRA-CDG-PUJ-AMS-ALC-GRU-DXB-BKK-USM-DTW-JFK-HHN-DOH-MLE-THUF-FCO-BOG-MDE-LIS-FNC-DMK-REP-KUL-SIN-DPS-BCN-TDX-SLC-LAS-CTA-OPO-AHO-SGN-HUI-DAD-HAN-PEG
  • s.mouillard
    Dabei seit: 1375574400000
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    geschrieben 1440511045000

    Danke Pesche, für diesen wunderschönen Beitrag. Ich habe ihn mit großer Freude gelesen.

  • chona
    Dabei seit: 1429833600000
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    geschrieben 1440512827000

    Richtig Pesche Der Weg ist das Ziel, leider sind sich wenige davon bewusst. Vielen Dank!

  • Der Beitrag wurde vom Administrator Team gelöscht.
  • Kourion
    Dabei seit: 1216684800000
    Beiträge: 17507
    geschrieben 1440516170000

    @Pesche

    Erstmal danke für deinen Bericht. Hat mir gut gefallen. :D

    Zum Punkt "der Weg ist das Ziel"...  ist schon richtig.

    Allerdings war er das viele viele Jahre, zwar nie 15000 km, aber sehr häufig doch 2000/2500 hin und 2000/2500 zurück - im PKW. Hat alles Spaß gemacht, man war nicht eilig, hat viel gesehen, auch schon mal im Auto oder daneben übernachtet.

    Tatsache ist allerdings auch, dass wir anders gar nicht hätten reisen können: Die Flüge waren für uns viel zu teuer und selbst der Zug hätte zu viel vom Budget geschluckt. Per PKW hingegen war's finanzierbar.

    Und ja, es war schön und ich möchte die Erinnerungen nicht missen. Aber ich denke, es gibt eine Zeit für alles und die Zeit für diese Art von Reisen ist bei mir definitiv vorbei.

    Das Fliegen macht mir übrigens großen Spaß... ;)

    Es kommt nicht darauf an, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, sondern mit den Augen die Tür zu finden. (Werner von Siemens)
  • Malini
    Dabei seit: 1215043200000
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    Verwarnt
    geschrieben 1440517511000

    Ich hingegen werde froh sein, wenn endlich jemand das "Beamen" erfindet...  :D

    Ansonsten sehe ich das Fahren mit der Eisenbahn (und auch das Fliegen) ähnlich wie John Ruskin:

    "Eine Fahrt mit der Eisenbahn kann ich beim besten Willen nicht als Reise bezeichnen. Man wird ja lediglich von einem Ort zum anderen befördert und unterscheidet sich damit nur sehr wenig von einem Paket."

    Stay hungry. Stay foolish. (Steve Jobs)
  • Holzmichel
    Dabei seit: 1087430400000
    Beiträge: 5677
    geschrieben 1440546965000

    Sorry - aber ich glaube, die große Mehrheit der Normalos in unserer deutschen Heimat muß da schon "kleinere Brötchen" backen.........und bei Vielen wird erst mal nach Wegen gesucht, um überhaupt anzukommen....!

    Auch das ist anders als früher!

  • Garffield
    Dabei seit: 1241481600000
    Beiträge: 6392
    geschrieben 1440579274000

    Bravo Holzmichel!

    "Wer Katzen nicht mag muss im früheren Leben mal ne Maus gewesen sein"
  • Mühlengeist
    Dabei seit: 1103760000000
    Beiträge: 2227
    geschrieben 1440580270000

    Also einen Teil der Wegstrecke, und zwar den von Deutschland (in unserem Fall Berlin) nach Russland (bei uns Moskau) kann ich verdammt gut nachvollziehen. Der Samowar beim Zugbegleiter in jedem Waggon, der den besten Tee kochte... , die Übergänge zwischen den einzelnen waggons die man fast springend nehmen musste... die Fahrt im Schlafwagen durch Polen vorbei an Warschau. Und in Brest wurden damals auch die Fahrgestelle gewechselt, da die Russische Staatsbahn eine andere Spurweite als die Deutsche Reichsbahn hatte. Für uns als Studenten gabs die Verpflegung aber aus der mitgenommenen Stullenbüchse. Ja das waren Zeiten.

    Heute habe ich es manchmal schon satt von uns nach Österreich zu fahren. Man steht viel zu viel im Stau ;)   und wenn es dann mal im Stau was zu sehen gibt versperren einen unter Garantie (für die Anwohner unabdingbare) Lärmschutzwände die Aussicht. Von daher: ich will nur noch schnell ans Ziel, und mich dann dort umsehen und Erlebnisse haben.

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