Patre Lois der Mönch und Eremit aus den einsamen Wäldern des Norden Teneriffas!
Er kam alleine und er ging alleine - zurück blieb die Erinnerung - und dennoch ist er heute noch oft "gegenwärtig und anwesend"!
Es sollte eine Begegnung mit einem Menschen sein, den ich niemals vergessen werde!
Viele Seiten Aufzeichnungen in meinem Tagebuch sind drauf gegangen, um ja nichts zu vergessen was später in Ruhe aufgearbeitet werden muß!
Er brachte etwas mit und liess es zurück! Etwas was mir heute noch Schwierigkeiten bereitet es zu erfassen und zu verstehen, geschweige denn es zu erklären!
Er war bei „uns“ eingeladen, und man sprach nur noch von ihm; ich wußte zunächst nicht einmal wer gemeint war und war also entsprechend neugierig und voller Erwartung, so wie alle anderen ebenfalls. An diesem Tag sollte ER ‚wahrscheinlich‘ eintreffen, aber offenbar kannte niemand die Zeit seiner Ankunft. Es war alles ein großes und ungewisses Geheimnis, bis gegen Mittag ein Nachbarjunge völlig atemlos daher gerannt kam und schon von Weitem rief: „ER kommt"! Es sollte noch eine geraume Zeit dauern, bis wir jemanden die holperige Straße hinaufkommen sahen, im Gefolge von einigen Dorfbewohnern und Kindern. Er war es, der Erwartete: Patre Lois, der Mönch des Kartäuser-Ordens weit aus den Bergen der Montañas de Anaga war hierher auf die fast gegenüberliegende Seite der Insel gekommen!
Schon seine etwas gebückte Gestalt, seine weite Ordenskleidung mit dem großen Wanderstecken und die bedächtige Art sich zu bewegen hatten etwas Respektgebietendes an sich. Diesem Eindruck konnte ich mich selbst noch aus der Ferne auch nicht entziehen! Es dauerte noch eine Weile bis er das Haus erreicht hatte, aber niemand ging ihm entgegen; alles was Beine hatte wartete voller Spannung am Eingang, wie die Kinder auf den Weihnachtsmann, oder ein sonstiges großes Ereignis!
Seine ganze Erscheinung mußte einfach jeden beeindrucken: Schlohweißes langes, loses Haar und einen ebensolchen langen Bart, ein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht, gleich wie die Haut der Hände, helle, klare und lebhafte Augen mit sehr buschigen Brauen, die Gestalt war etwas gebeugt, soweit es unter der langen und weiten Ordenskleidung aus grobem, dunkelbraunem, sackartigem Gewebe zu erkennen war, und der lange Pilgerstecken überragte ihn um gut einen halben Meter. Auf dem Rücken trug er einen Beutel an einem Schulterband aus eben dem gleichen Material wie seine Kutte, und vor der Brust an einer langen eisernen Kette ein Kreuz, sowie einer dicken Kordel mit großen seitlichen Knoten als Gürtel, unter der die Kette des Kreuzes gehalten wurde.
Als er uns alle begrüßt hatte, die Mädchen und jungen Damen machten einen erstaunlich ordentlichen Knicks, sowie deren männliche Altersklasse eine tiefe Verbeugung, zog er sich seine einfachen Sandalen aus geknüpften Lederriemen, mit einer Sohle aus Ziegenleder aus und betrat barfuß das Haus, in dessen Eingang er ein Kreuz schlug. Zur Begrüßung, an der Schwelle des Hauses, wurde Wasser, Salz und frisches Brot gereicht, wie es Brauch ist. Sein Alter war sehr schlecht zu schätzen; aber es werden wohl gute sieben Jahrzehnte gewesen sein!
Das war die beeindruckende Einkehr des Patre Lois.
...... Nach dem Wahlspruch des Ordens der Kartäuser: Das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht! (Stat crux dum volvitur orbis)
In den einsamen Gegenden der Gebirge Teneriffas gibt es noch mehrere dieser Einsiedler. Sie gelten als hochintelligent und der Natur am nächsten stehend. Die Kirche mit dem Generalkapitel des Ordens und der Staat läßt diese Bruder-Mönche gewähren, ja ,sie sind sogar im Besitz der relativ seltenen offiziellen Sammlererlaubnisse für Kräuter, Beeren und sonstige Pflanzen, deren Heilwirkung bewiesen ist. Also das, was man bei uns auch als 'naturbelassene Medizin' in der Naturheilkunde bezeichnen würde. Solche Erlaubnisse bekommen sonst nur ausgebildete Botaniker. Außerdem genießen sie alle Previlegien, die ein Staat zu bieten hat! Sie stehen unter seinem ausdrücklichen Schutz, wie man mir erklärte.
- Sind sie etwa die modernen "Kräuterhexen" aus längst vergangenen Epochen?
Ihr Leben vollzieht sich in der Einsamkeit und Abgeschiedenheit fast noch unberührter Natur, und ihr Rat ist unter der Bevölkerung, vorwiegend der unteren Schichten, sehr gefragt! Jeder bietet ihnen Unterkunft und Verpflegung an, sollte ein solcher 'heilige Mann' ihnen einmal begegnen. Man nimmt nur zu gerne ihren Rat in Anspruch, egal worum es dabei geht.
Er war in gut zwei Wochen aus den Bergen des Anaga zu einem Besuch hierher gewandert. Mit dem Auto abgeholt zu werden liegt unter seiner Würde! Und er wird auch zurück über einen Umweg zu einem seiner Glaubensbrüder wieder auf diese Art heimkehren. Wie er sagt, liebt er zwar die Menschen, aber Denken kann er besser wenn er alleine ist.
Es wurden aufregende Tage und Abende. Professionelle Naturwissenschaftler, Philosophen und Botaniker hätten nicht besser sein können! Er kennt jede Pflanze und deren Eigenarten, insbesondere die Heilkräuter, von denen er einen Leinenbeutel voll als Geschenk mitgebracht hatte, was große Freude und Beachtung hervorriefen.
Als Abendessen gab es kanarische Kartoffeln mit Quark aus Ziegenmilch und etwas frischen Früchtebrei, sowie gemischten Salat aus allerlei Gemüsesorten, dazu frisches Quellwasser aus der Gegend. Die Kartäuser sind Vegetarier!
Die Unterhaltung verlief sehr tiefsinnig mit großem Schwerpunkt auf philosophische Anschauungen und die Naturwissenschaften, mit großer Akzeptanz gegenüber den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Glaube war kein Thema, denn eine Diskussion darüber kann nicht rational sein! Oftmals verlaufen derartige Unterhaltungen mit geistlichen Leuten ja auch leider in dem Versuch einer logischen Herleitung eines Gottesbeweises unter Zuhilfenahme wissenschaftlicher Erkenntnisse, insbesondere der Theorien über die Entstehung des Universums und damit auch unseres kleinen Planetensystems Sonne. Das ist dann meistens weniger erquicklich! Sein Wissen und die Aufgeschlossenheit gegenüber modernen Forschungen haben mich erstaunt! Zu meiner großen Freude sprach er ein excellentes Englisch, sowie auch Deutsch und Französisch! Sein Elternhaus stand einstmals in Mainz! Denn der Ursprung des Ordens geht u. a. auch zurück auf Kartausen in Deutschland, sowie auch der anderen kontemplativen (Kontemplation => bescheidene geistige Sanftmut, Beschaulichkeit, beschauliche Betrachtung mit entsprechendem Verhalten) Orden der Benediktiner und der Zisterzienser. Wobei letztere beiden als noch viel weltoffener gelten!
Die gesamte Familie meiner Gastgeber hatte sich zu diesem Ereignis eingefunden, was sonst nur ganz selten der Fall ist!
Natürlich habe ich mich gefragt woher er denn sein enormes Wissen moderner und teilweise neuester Erkenntnisse bezieht, denn außer vielen Büchern und einem Radio findet sich nichts in seinem fast ganz aus Holz gebauten eigenen Blockhaus? - Ich weiß das, weil ich ihn hiernach im folgenden Frühjahr besucht habe! -
Einigen Patres von ihnen kann man zu großen kirchlichen Festtagen begegnen, wie in Candelaria, La Laguna oder La Orotava z. B. im Juni zu den Fronleichnam-Festlichkeiten. Stets sind sie aber ganz im Hintergrund. Tanz und Ausgelasssenheit ist ihre Sache nicht! Dabei geht ja schon aus dem Gesagten hervor, dass sie keineswegs weltfremd sind. Und sie haben auch nicht allen weltlichen Freuden entsagt; nur sie "senden und empfangen" auf einer ganz anderen Ebene! In den Gegenden, in denen sie leben, genießen sie alle Sympathien der Bevölkerung ringsum, nicht nur der unteren Schichten! Gerade weil genau bekannt ist, dass sie sehr klug sind, gelten sie nicht als moderne Fabelwesen! Diese Gefahr ist ja immerhin vorhanden, wenn auch meistens nur latent.
Für die Nacht war eine Kammer hergerichtet worden, extra mit einem ganz einfachen Holzbett ohne Matratze nur mit einem dünnen strohgefüllten **** auf Brettern als Unterlage und einer Decke. So sollte es sein und war so gewünscht! Der nächste Tag begann in aller Frühe, etwa gegen vier Uhr. Nach dem Frühstück, - mit Brot, Honig, Salat und etwas Rührei, dazu einen Tee aus verschiedenen Kräutern, Saft der Aloe vera, einer der bekanntesten Heilpflanzen und seiner stillen Andacht, - wollten wir die Nachbarn und die auf den Feldern arbeitenden Bewohner besuchen. Offenbar kannte man den Padre schon, er war wohl nicht zum ersten Male hier. Es gab jedenfalls eine große Begrüßung!
So vergingen ein Tag nach dem anderen, bis die Zeit des Abschiednehmens gekommen war.
Für mich war er ein beeindruckender und sehr kluger Mensch mit einer großen persönlichen Ausstrahlung, der wohl die ganze Herzlichkeit, den Glauben und die menschliche Güte in sich vereinigt hatte.
Abschiednehmen!? - Nicht ohne den Freund des Hauses und Gast aus Alemaña (mich!) herzlich zu sich eingeladen zu haben. Und das habe ich auch bei meinem nächsten Besuch wahr gemacht, ich habe ihn besucht und mir sehr viel Zeit dafür mitgenommen!
- Aber das ist eine andere, noch viel interessantere und aufregendere Geschichte, so als 'Ausgesetzter der Gesellschaft' in der Einsamkeit und Abgeschiedenheit der Wälder des Anaga mit ihm zu leben und ihn auf seinen Ausflügen begleiten zu dürfen!
Vielleicht berichte ich einmal darüber!?
Dann wanderte er in Begleitung vieler Dorfbewohner, die ihn ein Stück weit geleiteten, von dannen, gebeugt, einsam und alleine wie er gekommen ist, ging er auch wieder. - Ganz einfach so als wäre er täglich hier und ginge nun zu seiner Arbeit auf die Felder! - Die Handwerks- und Feldarbeiten sind allen den Ordensbrüdern sehr gut vertraut!
Es gibt nur recht wenige Menschen auf der Welt, die ich als Vorbild betrachte und akzeptieren würde! Er, Patre Lois, gehört jedenfalls dazu, und ich kann nicht einmal genau sagen warum!
Was ist es eigentlich, was diese Menschen für viele von uns so außerordentlich respektabel und verehrungswürdig macht?
Im Grunde sind sie doch ganz 'primitive' Menschen, nämlich im strengsten Sinne des Wortes als Synonym für: EINFACHE Menschen! Man kann ihnen überall auf der Welt begegnen, wenn auch oft in einer anderen "Verpackung", aber mit gleichem Inhalt!
Ist es ihre Ausstrahlung? - Wenn ja, wodurch?
Benötigt unsere Gesellschaft solche Vorbilder und Orientierungspunkte? - Ja, auf jeden Fall und ganz notwendig!
Gewiss, sie sind klug und weise, das sind viele andere auch.
Sie leben in Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit und ohne das Streben nach materiellen Besitztümern und Gütern. Etwas womit wir mit ihnen nicht unbedingt teilen und tauschen wollten, ebenso wie mit ihrer Abgeschiedenheit, sowie ihrer enthaltsamen Lebensweise. Trotzdem haben sie eine unerschütterliche Lebensphilosophie. Aber das haben andere auch!
Was ist es also?
Ein „Rattenfänger-Syndrom“ kann es auch nicht sein, dazu sind sie zu bescheiden und zu klug, ihnen fehlt die dafür nötige Schläue, Rücksichtslosigkeit und der maßlose Egoismus, z. B. im Gegensatz zu vielen unserer „prominenten Stars im Rampenlicht" aus der großen Anzahl bunter Zeitungen und dem TV, bis auf wenige Ausnahmen, die aber meistens auch nur Letzteres vorweisen können, alle anderen sogar noch mit erheblichen Mängeln und zu allem Überfluss obendrein auch noch mit einer übergroßen Dosis an Geltungsbedürfnis, Selbstherrlichkeit und völlig übersteigertem und fehlgeleitetem Selbstwertgefühl!
Man kann doch fast schon meinen, dass bei den "Prominentenhochzeiten" der Trauzeuge auch gleichzeitig der Scheidungsanwalt ist! Damit das baldige Ende der "Taumehe" und die finanzielle Abwicklung schneller erledigt werden können, um Zeit für die nächste "Jahrhundertliebe" zu schaffen!
Ich denke sehr oft an ihn, was er jetzt wohl gerade macht, wenn vermutlich er und ich ganz alleine sind, ganz weit entfernt von einander.
- Ich möchte ihn einmal wiedersehen!
Gruß Dieter